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O’pflanzt is! Oder: Ein produktiver Stachel im Wohlstandsspeck

Für das Standpunkte-Magazin des Münchner Forums durfte ich im Rahmen des Heftschwerpunktes „Urban Gardening“ einen Blick zurück auf das erste Gartenjahr werfen. Das hat super viel Spaß gemacht und ich war echt baff, was wir in den letzten Monaten alle gewuppt haben. Weitere Texte im Heft u.a. von Christa Müller, Ella von der Haide und bauchplan ).(.

o'pflanzt is!

O’pflanzt is! Oder: Ein produktiver Stachel im Wohlstandsspeck

Während unter der Schneedecke die Beete ruhen, der Kompost in seinem Inneren fleißig weiter arbeitet und die Bienen im Bienenstock in ihrer Wintertraube dicht aneinandergedrängt vibrieren, planen die Aktiven vom Gemeinschaftsgarten „o’pflanzt is!“ schon die neue Gartensaison.

Ein guter Moment, um zurückzublicken auf das erste Jahr unseres Gemeinschaftsgartens – dieses hatte es in sich. Nach einer Planungsphase und der Suche nach einem geeigneten Gelände wird vor ungefähr einem Jahr die 3.300 qm große Fläche an der Schwere-Reiter-Straße, Ecke Emma-Ihrer-Straße in Neuhausen vom Freistaat Bayern als Zwischennutzungsprojekt angemietet. Seitdem verwirklichen hier eine wachsende Anzahl von Aktiven eine nachhaltige und nachbarschaftliche Vision vom urbanen Gärtnern. Dabei arbeiten alle an Allem. Es gibt keine Gartenparzellen zur „Adoption“. Der Garten ist nach permakulturellen und biologisch-dynamischen Prinzipien ausgerichtet. Jeder und Jede ist herzlich eingeladen, sich in die wachsende Gartengemeinschaft einzubringen.

Erste Schritte in eine grüne Oase

Aus allen Richtungen strömen Menschen in den noch jungen Garten. In den ersten Wochen entstehen Arbeitsgruppen zu Themen wie Anbauplanung, Beetebau, Wasserversorgung und Materialbeschaffung. Aus Paletten, Hölzern und alten Fenstern bauen wir erste Frühbeete. In alten Plastikschachteln, Saft- und Milchtüten werden Kohlrabi, Tomaten, Paprika und Mais ausgesät. Ein Teil der Pflanztöpfe kommt in die Frühbeete, weitere wandern auf die Fensterbänke der Aktiven. Erste Sprießerfolge werden im Garten und in den sozialen Netzwerken geteilt.

Mit den ersten Sonnenstrahlen kommen immer mehr interessierte Nachbarn, Münchner, Menschen auf das Gelände. Das Gefühl, hier entsteht ein Garten, wird immer fassbarer. An drei Nachmittagen in der Woche öffnet der Garten seine Pforten. Es entstehen mobile Einheiten wie Hoch- und Hänge-beete. Wir bauen ein Gewächshaus, dem ein weiteres folgen soll. Der nötige Strom kommt nicht aus der Steckdose sondern direkt aus der Solarzelle vom Dach. Pflanzliche Dünger werden angesetzt. Die ersten angezogenen Jungpflanzen werden in die Beete gesetzt. Radieschen, Möhren und Bohnen werden direkt gesät.

Nur wenige Dinge im Garten sind gekauft, fast alle Gegenstände haben ein Vorleben oder finden durch großzügige Materialspenden ihren Weg in den Garten. Bei „o’pflanzt is!“ erfahren Gegenstände eine erneute Nutzung oder Umnutzung. Der Gemeinschaftsgarten folgt dem Prinzip reduce, reuse, recycling. Ganz ohne Geld geht es dann aber doch nicht immer. Wir danken an dieser Stelle unseren Förderern, der Stiftungsgemeinschaft anstiftung & ertomis, der Bürgerstiftung München und der Sparda Bank.

Am 1. Mai 2012 wurde der Garten offiziell eröffnet. Mit rund 200 Gästen und Unterstützern des Gartens feier wir bei Musik und Lesung, Wildkräuterführungen, Pflanzaktionen und kulinarischen Köstlichkeiten.

Ein Garten braucht Liebe und Wasser

Im Sommer einen Garten mitten in der Stadt zu haben, ist paradiesisch. Ein arbeitsreiches Paradies: wir gießen, gießen, gießen. Gemeinsame Picknickabende finden im Garten statt. Wir düngen mit der selbstangesetzten Brennessel- und Beinwelljauche. Jäten Unkraut. Und schließlich wird natürlich geerntet. Das erste Radieschen teilen wir noch durch 16, anschließend meinen es Zucchini, Tomaten, Salate und Kürbisse gut mit uns.

Eine Sache, die ein Garten unbedingt braucht, man aber nur bedingt sammeln kann, ist Wasser. Bis heute hat „o’pflanzt is!“ keinen permanenten eigenen Wasseranschluss. Wir sammeln Regenwasser in Tonnen und jede bzw. jeder Aktive und Gast im Garten ist aufgerufen, beim nächsten Besuch Wasser in Pfandflaschen mitzubringen. Beides kann im Garten gelassen werden. Eine charmante Form, dem Garten einen kleinen Obolus zukommen zu lassen. Später im Jahr und nach steigendem Wasserbedarf werden die Wassertanks regelmäßig über einen naheliegenden Hydranten aufgefüllt. Gegossen wird mit Gießkannen.

Theorie und Praxis städtischen Gärtnerns

Neben der Möglichkeit des Mitgärtnerns ist „o’pflanzt is!“ auch zu einer aktiven Austauschplattform für Themen wie Naturbewusstsein und -erleben, Selbstversorgung und -organisation, lokale Kooperation, Artenvielfalt und Wohlstand durch grünes Wuchern statt materiellem Wachstum herangereift.

Zwischen Gießen und Ernten diskutieren wir Fragen wie „Welche Erde nutze ich für welche Pflanzen?“, „Wie ernte ich eigentlich Mangold?“ oder „Was ist der Unterschied zwischen samenfesten Sorten und Hybridsorten?“. Am praktischen Beispiel „Gemeinschaftsgarten“ entstehen Diskussionen über die Zukunft der Versorgung einer urbanisierten Gesellschaft. Die Grenzen unseres Lebensstils, aber eben auch neue Wege der urbanen Lebensmittelerzeugung werden erfahrbar. Diese Form des informellen Austausches ergänzt sich mit einem kleinen Programm zu sozialen Themen aus grüner Perspektive und einer Reihe von Workshops. Es entstehen drei Komposthaufen, eine Wurmfarm, eine Kräuterspirale und eine Wildblumenwiese.

Wir sind beim Netzwerk-Treffen der Interkulturellen Gärten in Marburg und beim ersten Sommercamp der Urbanen Gärten in Köln dabei und teilen unsere Erfahrungen mit anderen urbanen Gärtnern. Im Gegenzug bekommen wir Besuch im Gemeinschaftsgarten. Die Aufmerksamkeit von Gleichgesinnten, von WissenschaftlerInnen und den Medien ist überwältigend. Ein Garten im Herzen Münchens, der so weit wie möglich versucht, sich den Verwertungsmechanismen des kapitalistischen Wirtschaftens zu entziehen, mausert sich zu einem produktiven Stachel im Wohlstandsspeck.

Der Garten schläft nie

Im Herbst feiern wir die erste Gartensaison bei Kürbissuppe, einer Lesung und einer szenischen Performance über Ökonomie, Ökologie und urbanem Gärtnern. Im Gepäck die großartige Information, dass auch im Jahr 2013 weitergegärtnert werden kann, denn der Pachtvertrag für das Gelände wurde verlängert.

Als die Tage wieder kälter und kürzer werden, machen wir den Garten winterfest. Aus den letzten grünen Tomaten kochen wir Chutney. Wir bauen die Gewächshäuser ab und leeren die Wassertanks. Alles Gehölz und Geäst wird geschreddert und zum Mulchen der Beete verwendet.

„o’pflanzt is!“ hat sich innerhalb von einem Jahr von einer großen Idee zu einem handfesten Projekt entwickelt. Im Herzen von München ist ein Gemeinschaftsgarten entstanden. Wir freuen uns auf die zweite Gartensaison mit vielen alten und neuen Mitstreiterinnen und Mitstreitern. Es wird schon fleißig geplant.

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